Donnerstag, 15. Juli 2010

EsoWatch » Die Homöopathie- hörensagenbasierte Ahnungslosigkeit bei Spreeblick

Homöophobie: Die Placebo-Debatte,www.spreeblick.com, Johnny Haeusler | 14.07.2010 um 14:48
Der Spreeblick ist einer der Top-Blogs in Deutschland. Die können gesellschaftliche Themen schon ziemlich selbstbewusst angehen. Scheiße schreiben ist im Internet trotzdem keine gute Idee. Schauen wir mal:

Bei Temperaturen über 30 Grad verwundert es nicht, dass die Debatten heiß laufen und einige Hitzköpfe nur zu gerne im Sommerlochpool der Selbstgerechtigkeit baden.

Aha, selbstgerechte Hitzköpfe nutzen also das Sommerloch zum Debattieren. Worüber?

Dabei stört es mich keineswegs, dass über Sinn und Unsinn der Homöopathie diskutiert wird, über ein Thema also, das mit feiner Regelmäßigkeit alle paar Jahre wieder in die Medien stolpert – leider mit den immer gleichen, sich im Kreis drehenden Argumenten.

Die Diskussion über Sinn oder Unsinn einer Homöopathiedebatte stört ihn also nicht, nur die gleichbleibende Argumentation. Was soll man sagen? Naturgesetze sind keine Modeerscheinungen. Wenn vor 100 Jahren in den homöopathischen Mitteln kein Wirkstoff war, dann ist das auch heute noch so. Wenn vor über 70 Jahren die Mittelchen trotz Führerbefehl keine Wirksamkeit zeigten, warum sollten sie es heutzutage tun? Wenn 2005 das endgültige wissenschaftliche Aus für die Homöopathie im Journal “Lancet” verkündet wurde, dann ist es 2010 irgendwie sinnlos, sich einen neuen Dreh auszudenken, warum die Homöopathie völlig bescheuert ist.
Den nächsten Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Mich stört aber die fast aggressive Überheblichkeit einiger Homöopathiekritiker, die immer dann zu beobachten ist, wenn sich das Leben von dort fortbewegt, wo man es sich doch gerade so gemütlich zurecht gelegt hat.

Dieser Satz ist mit einem Link zum Interview mit Edzard Ernst “Die Homöopathie ist ein Dogma” unterlegt.
Was ist an der Realität aggressiv? Ist es etwa auch aggressiv und überheblich zu behaupten, dass die Erde sich um die Sonne dreht? Ernsts Professur läuft wahrscheinlich aus, weil er den Homöopathen eben keine Gefälligkeitsstudien geliefert hat, sondern aus wissenschaftlich gewonnenen Fakten ehrliche Schlüsse gezogen hat. Das ist nicht jemand, der sich eine kuschelige Nische gesucht hat und sich dem Leben verschließt. Dies Vorwürfe sind wirklich dumm, ignorant, wissenschaftsfeindlich.

Und es stört mich außerdem, dass es die Bundesregierung weiterhin nicht schafft, eine sinnvolle Gesundheitsreform auf die Beine zu stellen und über tatsächliche Mängel im System zu sprechen.

Ok, darüber kann man sich ärgern.

Ich selbst habe keine homöopathischen Wundergeschichten zu erzählen, kenne aber (wie fast jeder) natürlich Menschen mit äußerst positiven Erfahrungen.

Hörensagen-echt jetzt?
Erfolgsgeschichten vom Hörensagen, wow. So eine Argumentation ist unterirdisch, doof, ignorant und menschlich, allerdings lockt man damit überhaupt nichts mehr hinter dem Ofen hervor. Damit sollte man mittlererweile schon am Stammtisch Probleme bekommen, im Netz 2010 geht sowas gar nicht mehr. Spreeblick ist heute eines der bekanntesten Weblogs in Deutschland und wurde im Juni 2006 mit dem Grimme Online Award Spezial für „kreative Leistung, Gestaltung und Textqualität“ ausgezeichnet.- 2006 ist schon ein paar Jahre her und nicht jeder Tag ist ein guter Tag zum Schreiben.

Viel wichtiger ist aber: Ich vertraue Ärzten, die sich sowohl mit der Schulmedizin als auch mit alternativen Heilmethoden beschäftigen und auskennen, weitaus mehr als denjenigen, für welche die medizinische Forschung abgeschlossen zu sein scheint. Warum? Weil ich sie als weniger ignorant und viel mehr an meiner gesundheitlichen Historie, meiner Person und meiner Lebensweise interessiert kennengelernt habe als ihre Kollegen, die mir ihren frisch angeschafften Röntgenapparat vors Hirn knallen, bevor sie mir auch nur eine Frage gestellt haben.

Warum vertraut er dann nicht Edzard Ernst, dem weltweit ersten Professor für Komplementärmedizin? Nein, der “informierte”, pseudokritische, saturierte Großstädter vertraut natürlich solchen Ärzte, die ordentlich Jodeldiplome für Quackverfahren an den Wänden hängen haben.
Und Ärzte, die ihre Patienten nicht mit so genannten Naturheilverfahren betrügen, haben sich den Ergebnissen der medizinischen Forschung verschlossen.-Das ist Denke auf Vorabendserienniveau. Es leben die Vorurteile und Reflexe. Das Klischee der wortkargen Radiologen wird auch noch bedient, die Leute wollen schließlich keine Neuigkeiten, sondern eine Bestätigung ihrer Vorurteile. Ein Top Ten-Blog muss auch mal Instinkte bedienen, damit die Leser bleiben.

Privatpatienten kennen die teils aberwitzigen Rechnungen nach einem fünfminütigen Arztbesuch und gesetzlich versicherte Frauen, die mehrere Schwangerschaften hinter sich haben, können von Behandlungen und Untersuchungen berichten, die zunächst immens wichtig und absolute Pflicht waren (da sie von der Kasse bezahlt wurden) und zwei Jahre später als gefährlicher Unsinn deklariert wurden (weil die Kassen diesen Posten nicht mehr übernahmen). Und über die um sich greifende Unmöglichkeit, als Pflichtversicherter überhaupt einen Arzt zu finden, könnten wir ja auch mal sprechen – immer mehr Ärzte fragen den Versicherungsstatus des Anrufers automatisiert ab und schicken den Pflichtversicherten das Besetztzeichen als Wartemelodie, und auch die beschilderte Unterteilung der Patienten schon am Praxisempfang ist keine Seltenheit mehr. Ratet, an welcher Schlange man länger warten muss? Richtig.

Ärztebashing kommt immer gut, das mögen die jungen und gesunden Leser. Zeig es diesen arroganten Fachleuten, Johnny!
Mach uns den selbstgerechten Rächer der Kassenpatienten! Was hat das mit dem Blödsinn Homöopathie zu tun, der in dieser Woche Sommerlochthema ist?
Nichts, außer dass die Homöopathen zwar Trittbrettfahrer der wissenschaftlichen Medizin sind, aber schon immer statt Wirksamkeitsnachweise zu bringen, auf den bekannten Fehlern der funktionierenden Medizin rumreiten.

Wer sich über die paar Millionen Homöopathiekosten wirklich aufregt, der tut also gerade so, als wäre die Schulmedizin und das sie umgebende System frei von Quacksalbern, Fragwürdigkeiten, Betrug, künstlich überhöhten Preisen, Pfusch und lebensgefährlichen Fehldiagnosen auf Kosten der Kassen und Patienten. Und obwohl ein Manko kein mögliches zweites rechtfertigt, wird es seine Gründe haben, wieso die aktuelle Debatte rund um die Homöopathie auch den Lobbyisten der Pharmaindustrie nicht schmecken dürfte: Diese fürchtet sich wohl kaum vor ein paar Globuli, sondern eher vor einer möglicherweise danach folgenden Diskussion um ihre eigenen Produkte und Vorgehensweisen. Eine Diskussion, die zwar wünschenswert wäre, sich mit entsprechenden Kontakten zur tonangebenden Politik aber wahrscheinlich ein weiteres Mal verhindern lässt.

Die Kritik an der Homöopathie richtet sich mitnichten nur auf die Übernahme mancher Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen.
Homöopathie ist in erster Linie Kindesmisshandlung, Therapieverschleppung und Beschiss. Homöopathie ist ein tolles Sommerlochthema. Schön, dass mal eine große Zeitung so etwas auf dem Titel hat.
Das Kleinreden der Kosten ist ein Strohmann, den die Homöopathielobby gerade aufbaut. Die Spekulationen über den Geschmack der Pharmalobbyisten sind eben Spekulationen, die von keinerlei Sachkenntnis getrübt werden. Aber das Wort Pharmalobby kommt immer gut in Blogposts. Pharmalobby, das sind große multinationale Konzerne, die Profite machen. Die sind immer die Bösen. Auf den Reflex ist Verlass.

Die Wirkung der Homöopathie gilt als wissenschaftlich nicht nachgewiesen – und vielleicht wird sie es nie sein. Doch im Zusammenhang mit einer Gesundheitsreform liegen die wirklichen Kostenfaktoren sicher nicht im sprichwörtlichen homöopathischen Bereich. Wer sich in diesem Rahmen auf eine Anti-Homöopathie-Debatte einlässt, tut meiner Meinung nach genau das, was er anderen vorwirft: Er schluckt Placebos.

Dieser erste Satz ist dermaßen platt, klischeehaft und ahnungslos, dass der keines Kommentars, sondern nur einer Fettung bedurfte.
Das mit den Kosten ist der Strohmann. Relativ preiswerter Beschiss ist immer noch Beschiss.

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