Montag, 1. März 2010

Warum ich die Facebook-Seite von Motorola-Europe so gerne mag...

Eigentlich mag ich Facebook überhaupt nicht. Ich finde die Seite taugt generell nicht besonders gut zur Kommuniktation, alles ist irgendwie mit Werbung oder komischen Flashgames zugekleistert... alles in allem bin ich eher jemanden der zwar einen Facebook-Account hat, aber diesen nicht nutzt.

Nun gehöre ich ausserdem noch zu der Spezier der "early adopters", weshalb ich auch ein Android Smartphone der Firma Motorola besitze. Dieses Motorola Milestone war schon einmal Stein des Anstosses zu einem Blogpost. Was genau ist das Problem? Ich werde versuchen es in kurzen Worten zu erklären:

Das Motorola Milestone ist ein Smartphone mit dem Betriebssystem Android, welches u.a. von Google entwickelt wird. Das Besondere an diesem Betriebssystem ist, dass er erstmals so offen ist, wie man es sonst nur vom eigenen PC kennt. Mit anderen Worten: Anders als Apple, Windows Mobile, Blackberry usw. kann man sowohl als Hersteller als auch als Endkunde eine Reihe von Änderungen am System vornehmen. Für "normale" Endkunden sicher nicht übermässig wichtig ist zudem noch die Tatsache, dass man sich bei den meisten Android-Telefonen den Administrator-Zugang (also: "root") verschaffen kann. Dies bringt zuallererst einen extremen Nachteil: man ist nun in der Lage Hard- und Software eventuell unwiederbringlich zu beschädigen, man spricht auch von "bricken" (englisch brick=ziegel, also aus dem Smartphone würde ein post-moderner Briefbeschwerer). Wer aber diese Gefahr in Kauf nimmt kann ziemlich einschneidende Änderungen am System vornehmem, man kann den Prozessor "übertakten" (oder besser gesagt die künstliche Untertaktung beseitigen), man kann Apps auf die SD-Karte auslagern, man kann unnötige Prozesse und Apps entfernen und sogenannte "Custom-ROMs" einspielen. Diese Custom-ROMs sind in den meisten Fällen stabiler, schneller und bringen eine Menge neuer und aufregender Funktionen mit, die der Hersteller nicht implementieren konnte oder wollte. 

Netter Nebeneffekt: Die Custom-ROM-Community ist meist derart produktiv das einige der Verbesserungen es sogar, mit zeitlicher Verzögerung, in das ofizielle ROM schaffen, nervende Fehler werden schneller und früher behoben und potentielle Sicherheitslücken meist innerhalb weniger Stunden geschlossen.

Zurück zum Motorola Milestone:

Noch bevor das Milestone nach Europa, Südamerika und Canada kam, gab es eine CDMA (3G in den USA) Version in den USA, genannt DROID. Das Droid ist eigentlich das Milestone. Wie zu erwarten, war schnell eine Möglichkeit gefunden es zu "rooten" und nach wenigen Tagen gab es die ersten ROMs die kleine Fehler behoben, Multitouch brachten usw.

Motorola erzählte daraufhin, bei verschiedenen Präsentationen, das Milestone sei das DROID für alle GSM-Netze. Wir haben das erstmal geschluckt (warum auch nicht?) und haben uns das nicht gerade günstige Smartphone gekauft.
Sicher, das Milestone ist wertig verarbeitet, genau wie das DROID. Von aussen ist kein Unterschied auszumachen, ein paar Änderungen an den mitgelieferten Apps (Navigation) für Europa macht auch noch keinen Unterschied aus. Doch dann kam die böse Überraschung: Das Milestone lies sich zuerst nicht rooten (wenigstens nicht so wie das DROID) und es stellt sich heraus, das Motorola anders als beim DROID den Bootloader signiert hat. Mit anderen Worten: Motorola hat es uns vorerst unmöglich gemacht die Custom-ROMs einzuspielen.
Das wäre vielleicht nicht ganz so schlimm, wenn Motorola nicht so extrem viele Fehler im Original-ROM hätte: Abbrechende Musikwiedergabe, Probleme mit WPA/PSK bei WLAN, Probleme mit dem Wecker, willkürliche Reboots, speicherfressende Motorola-Apps die sich nicht entfernen lassen... 

Für all diese Probleme gäbe es Abhilfe, auf dem DROID sind diese längst Geschichte. Aber Motorola lässt sich nicht erweichen, der Bootloader ist und bleibt signiert.

Wie komme ich nun zu Facebook? Ganz einfach, ein Blick auf die Facebook Seite von Motorola Europe gibt Auskunft:

Hier spielt sich ein PR-Desaster ab, welches die deutsche "Vodafail"-Kampagne locker in den Schatten stellt! Tausende von Einträgen, Bilder, Fotos und Blogpost überschwemmen die Fanseite und fordern den freien, offenen Bootloader. Motorola schert sich nicht allzusehr um den Effekt, im MotoDev-Forum werden Beschwerden umgehend gelöscht, mehr als zwei helbseidene Stellungnahmen, die mehr Fragen aufwarfen als Antworten gaben, bekam man nicht. Inzwischen kann man von Europa über Lateinamerika, Canada, Indien und sogar China Blogposts finden, die sich mit der Firmenpolitik von Motorola beschäftigen und nicht müde werden das zu fordern was ihnen versprochen wurde: ein Telefon wie das DROID (und zwar genau wie das DROID).

Motorola hat, trotz Warnungen auf Facebook, noch nichts vom Streisand-Effekt gehört. Weiterhin scheint es den Verantwortlichen egal zu sein, welchen Eindruck eine solche Facebook-Seite auf potentielle Kunden hat (man stelle sich vor, man habe den Beschluss gefasst ein Produkt von Motorola zu erwerben und findet eine solche Masse an Beschwerden von Kunden die sich betrogen fühlen und dies auch offen sagen!) und wie viele Kunden Motorola Tag für Tag verliert, nur weil sie sich stur geben.

Es kam sogar soweit, das Motorola-Mitarbeiter auf Facebook und im Forum empfohlen, ein Produkt der Konkurrenz zu kaufen, wenn man denn Custom-ROMs haben wolle. Ich weiss nicht, wie solche Aussagen bei Motorola intern gehandhabt werden, wäre es meine Firma, könnte dieser Mitarbeiter sich einen neuen Job auf einem anderen Kontinent suchen!

Obwohl Motorola bis heute stur bleibt, obwohl es derzeit so aussieht als würden wir es nicht schaffen Custom-ROMs auf dem Milestone laufen zu lassen und obwohl wir diese Schlacht eventuell verlieren werden, bin ich dennoch begeistert von dem Effekt und der Signalwirkung die erreicht wurde: Endlich zeigt sich der mündige Verbraucher der sich nicht bevormunden lassen will, der Kontrolle über sein Eigentum will und der die kleinkarierte und dümmliche Konzernpolitik nicht als "gottgegeben" akzeptiert, sondern mit den Füssen und mit dem Geldbeutel abstimmt und eine Firma für ihre Dummheit bestraft.

Der Effekt wird zunehmen, die Welle wird wachsen, es berichten immer mehr Blogs darüber, in den Foren mehren sich die Einträge und in den Social Media Communities formiert sich der Widerstand und er wird zunehmen. Selbst wenn wir dieses Mal nicht unbedingt gewinnen, die "Hüter" von Android haben uns zur Kenntnis genommen, die Konkurrenz von Motorola schläft nicht. So ein Marketing-GAU wird ausser Motorola niemandem mehr unterlaufen, da bin sicher. Das Motorola weiterhin teuer für diesen Vertrauensmissbrauch bezahlt, dafür werden wir noch lange sorgen.

Posted via email from rafaelwv's posterous