Dienstag, 18. Oktober 2011

Bildungswahnsinn

Die Onlineredaktion des ehemaligen Nachrichtenmagazins berichtet heute über neue Methoden Schülern deutsche Rechtschreibung beizubringen.

Beschrieben wird, unter anderem, eine Methode Betonung und Silbentrennung durch Schiffe, Matrosen und Teddybären beizubringen.

An dieser Stelle musste ich kurz innehalten und fragte mich, ob manche Leute nicht genau deshalb Pädagogen geworden sind, weil jede andere Karriere mangels Hirn, Intelligenz und Talent ausgeschlossen war.

Jede Sprache hat Formalismen, Regelmäßigkeiten aber auch Ausnahmen und Konventionen, die mitunter vollkommen willkürlich anmuten, da sie aus dem organischen Wachstum der Sprache an sich entstanden sind. Sprachkompetenz wird nicht erworben indem man Teddybären schwenkt und ihnen Buchstaben umhängt.

Sprachkompetenz wird vermittelt, indem mit der Sprache aktiv umgegangen wird, indem neue Vokabeln erlernt werden, Worte in einen neuen Kontext gesetzt werden und so die Sprachfähigkeit sich immer weiterentwickelt.

Das Problem der Rechtschreibung an sich ist doch nicht neu und die letzte große Rechtschreibreform hat das Problem eben nicht verbessert, was erwartet wurde, sondern eher noch verschlimmert! Woran das liegt ist umstritten, Lösungsansätze gibt es zuhauf, nur zeigt keiner bisher die gewünschte Wirkung, es ist sogar zu erwarten das der hier beschriebe Lösungsansatz mit Teddybären scheitert. Meiner ganz persönlichen Meinung nach kein Wunder, der ganze verschwurbelte Montessori-Blödsinn führt in keinem Fall zu mehr oder besserer Bildung.

Einem Kind Sprachkompetenz zu vermitteln ist genauso einfach wie anstrengend: Das Kind muss eine entsprechende Bandbreite an Sprache erfahren um sie sinnvoll und richtig benutzen zu können. Rechtschreibung zu erlernen ist ebenso einfach: Wenn das Kind viel liest und viele neue Wörter sieht, erkennt, erlernt und irgendwann auch benutzt ist der Lernprozess doch gegeben!

Das große Problem der Schule ist doch, dass den Schülern jede Lust am Lesen ausgetrieben wird. Ein Großteil der Schüler mogelt sich irgendwie um Leseaufgaben herum und berichtet nach der Schule davon überhaupt keine Lust zu haben irgendetwas zu lesen, was fatale Folgen nach sich zieht. Die heutige Mediengesellschaft lässt sich in zwei Teile aufspalten: Medien, die ausschließlich konsumiert werden und die weder großen intellektuellen Stimulus bieten noch die Fähigkeit des Lesens/Schreibens erfordern (DSDS, Frauentausch, Supernanny, BigBrother, etc) und die Medien(formen) die im Internet stattfinden und partizipativ sind, Interaktionen bedürfen und durchaus auch das geschriebene Wort erfordern.

Immer wieder hört man von der digitalen Spaltung, die in Wirklichkeit eine Spaltung der Gesellschaft ist:
Auf der einen Seite "funktionale Analphabeten" die schlichtweg keine große Lese- und Schreibkompetenz benötigen und dementsprechend eingeschränkt sind und die andere Gruppe aus den Menschen die ungehinderten Zugang zu allen (schriftlichen) Informationen (des Netzes) haben und auf diese Weise mehr Qualifikationen erwerben, sich unabhängiger informieren können und auch partizipieren können/werden, da ihnen die Anlage dazu gegeben wurde.

Tatsächlich könnte die Schule diese Entwicklung verhindern, wenn sie statt Lesefrust besser Leselust verursachen würde. Ein Effekt ist durchaus bekannt: Wer sehr viel liest hat eine bessere Rechtschreibung, ganz ohne Teddybär-Kapitäne und Matrosen.

Vielleicht sollten die Lehrkräfte (bei denen es mich immer juckt "Leerkräfte" zu schreiben) erkennen, dass Kinder mental erheblich flexibler, belastbarer und kreativer sind, als sie es ihnen zugestehen. Es ist einfach nicht nötig den Bildungsinhalt in Bröckchen zu brechen, diese noch zu zermahlen, mit Wasser zu verdünnen und löffelchenweise und in homöopathischen Dosen den Kindern einzutrichtern. Kinder sind sehr wohl in der Lage komplexe Probleme zu lösen und auch wirklich hochkomplexe Themen zu bearbeiten.
In Modellversuchen hat man Kinder mit Universitätsprofessoren und -Forschern zusammengebracht, das Ergebnis erstaunte zutiefst: Die Kinder waren durchweg in der Lage den Themen zu folgen und Zusammenhänge zu erkennen oder zu ziehen. Die Konklusionen der Kindern waren inhaltlich teilweise weit über dem Niveau des Durchschnittsstudenten.

Weitere Studien weisen daraufhin, dass Kinder vor dem Eintritt in das Bildungssystem wahre Meister des "lateralen Denkens" sind, eine Fähigkeit, die sukzessiv von den Schulen ausgetrieben wird. So bleibt nur festzustellen, dass viele Lehrer den Kindern so wenig beibringen, weil sie selber eben jene mentale Flexibilität verloren haben, die die Kinder noch überreichlich besitzen.
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