Donnerstag, 13. Oktober 2011

Ranga Yogeshwar in der FAZ zum eBook- eine Replik

Ranga Yogeshwar den ich ansonsten sehr schätze hat sich dazu bequemt der FAZ in Sachen Buchmesse, eBook und Zukunft des Buches ein Interview zu geben. Ich bin mit einigen Aussagen so nicht einverstanden, daher hier meine Replik.

Zitate sind kursiv gehalten.

Grundsätzlich geht Herr Yogeshwar von einer Monopolisierung des Buchmarktes aus, ich hingegen sehe eine Demokratisierung des selben und einer Ausweitung der Möglichkeit zu publizieren.

Mein Interesse ist es, unsere Buchkultur zu erhalten. 
Also ist das Interesse des Ranga Yogeshwar die Verleger als Gatekeeper zu bewahren, damit nicht alles publiziert wird was am Markt angeboten wird und wonach eventuell Nachfrage besteht. Er ist also für die Zementierung des Status Quo wo grosse und immer grössere Verlage und Buchhändler (Thalia anyone?) bestimmen was ge- und verkauft wird und was in die Auslagen kommt sowie welcher Verlag wie gesponsort wird.

 Dazu gehört die enorme Vielfalt.
Ich weiss ja das Herr Yogeshwar ansonsten ja mit beiden Beiden im Jetzt steht, aber hier möchte ich ihn ernsthaft fragen ob er weiss wovon er redet? Kleine Buchhändler die es sich leisten konnten auch mal Spartenverlage anzubieten sterben aus und werden immer mehr von grossen, multinationalen Ketten verdrängt. Übersetzung, Vertrieb, Handel, Verlag und am besten sogar noch Autor: Alles aus einer Hand. Wenn das mal kein Monopol ist. Ich sehe keine Vielfalt, sondern nur das qualvolle Sterben von Verlagen und das schnelle Verschwinden eines spezialisierten Buchhandels zugunsten von Ketten. Oh und das sehe ich nicht nur in Deutschland, sondern auch in meiner Heimat Spanien, wo die Buchhandelskultur noch viel tiefer und stärker verwurzelt ist als in Deutschland. Hier gab/gibt es noch Buchhändler die auch Buchbinderei anbieten etc.


Bei den Inhalten geht es nicht nur um Kommerz.
Natürlich nicht. Ich werde vorschlagen die Mitglieder des Börsenvereins von Steuern und Abgaben befreien zu lassen wegen erwiesener Menschenfreundlichkeit und ihrer selbstlosen Arbeit für die Bildung und Unterhaltung der Menschheit ohne jede Gewinnabsicht.

Was wir momentan erleben, ist eine Verschiebung hin zu wenigen großen Internetverlagen. 
Tatsächlich? Oder verwechselt da der Herr Yogeshwar etwas? Denn die Arbeit eines Verlages ist von dem was Amazon mitunter macht durchaus zu unterscheiden, denn Amazon bietet nur die Abrechnung und die "Auslieferung" an. Und Amazon ist nur eine Möglichkeit, es gibt auch den Selbstverlag, denn im Internet kann jeder alles publizieren, die Art des Auslieferung und Abrechnung kann man auf so unterschiedliche Weise lösen, das ich mir keine Sorgen mache das Amazon sich ein vollständiges Monopol auf eBooks aufbaut.

Das können Sie an den Kinos gut nachvollziehen. Da geht es heute häufig um Cola und Popcorn, die Inhalte richten sich stark am Mainstream aus, alles andere bleibt oft auf der Strecke. Eine solche Entwicklung auf dem Buchmarkt fände ich sehr bedauerlich.
Genau diese Entwicklung kommt aus bestehenden monopolistischen Strukturen, denn Hollywood produziert für den Mainstream um damit Geld zu verdienen und hat damit exakt die selben Interessen wie der traditionelle Buchhandel, denn mit Büchern die nur 1000 Menschen lesen kann ein Verlag kein Geld verdienen... ein Verlag vielleicht nicht, aber ein einzelner Autor! Denn der kann im Selbstverlag publizieren und nur für seine eigenen Leser schreiben. So kann jeder für seine eigene Zielgruppe publizieren und direkt von dieser Zielgruppe leben, was nicht möglich wäre wenn ein Verlag einen Grossteil der Einnahmen schlichtweg absorbieren würde um einen unnötigen Wasserkopf an Verwaltung und Vertrieb zu bezahlen.
Wie viele Werke werden nicht gedruckt, wie viele Gedichte nicht veröffentlicht, wie viele Geschichten nicht erzählt, weil ein Verlag keine Gewinnmöglichkeit für sich sieht. Aber der Autor könnte damit Geld verdienen, wenn er es nur selber veröffentlicht. Er kann sich über Paypal (ein Beispiel!) bezahlen lassen, er kann sich über Flattr oder Kachingle Beiträge spenden lassen... es gibt viele Möglichkeiten Publikationen zu Monetarisieren, solange die Zielgruppe den Content findet. Amazon bietet dazu eine Lösung, Google wird einen ähnlichen Weg einschlagen, es wird eBook-Verlage geben die sich darum kümmern. Ich möchte an http://www.beam-ebooks.de/ erinnern, die genau dies tun.

Wir unterschätzen das Tempo technischer Entwicklungen. 
Vollkommen korrekt. Das eBook wird kommen und die deutsche Verlagswirtschaft wird noch schlimmer davon betroffen werden als die Musikindustrie. Meine Hoffnung ist das sie komplett annihliert wird wegen ihrer Borniertheit und Fortschrittsfeindlichkeit! Seit Jahren versuche ich immer wieder eBooks zu kaufen aber entweder gibt es die Publikation nicht als eBook und wenn, dann werde ich mit DRM gegängelt und soll zudem fast genausoviel (oder sogar mehr!) zahlen als für die Totholzausgabe. Leute das was ihr hört sind die Totenglocken... und ich werde solange stolz Titel raubmordkopieren die ihr mir nicht zur Verfügung stellt bis ihr es endlich schafft vernünftige Preise zu machen und auf DRM-Gängelung verzichtet.

Auch ich liebe Bücher aus Papier, doch die elektronischen werden sich durchsetzen. Mir fällt da die Parallele ein: Ich liebe Pferde, doch ich fahre Auto!
Die Parallele geht noch weiter als Ranga Yogeshwar denkt, ginge es nach den Verlegern würde das Auto verboten werden und Autofahren unter Strafe gestellt werden, während gleichzeitig ein Leistungsschutzrecht auf Pferdekutschen eingeführt würde die alle dazu verdonndert für die Produktion von Pferdeäpfeln zu bezahlen. Genau das ist es nämlich: Wir sollen für Scheisse auch noch Geld bezahlen!

Aber heute versuchen amerikanische Technologiekonzerne wie Amazon, Google, Facebook und Apple, selbst zu Verlegern zu werden, indem sie etwa direkt von den Autoren Rechte erwerben.
Sie machen einen Mediator überflüssig, der in Zeiten von Internet nunmal unnötig und teuer ist. Damit werden aber weder Google noch Amazon oder gar Facebook zu Verlegern. Sie stellen einen Distributionsweg zur Verfügung, der muss aber nicht exklusiv sein und selbst wenn, sehe ich darin nicht schlimmes, solange alles publiziert werden und alles erworben werden kann, was genau der Politik der o.g. entspricht. Sollten die "neuen Verleger" zu sehr in den Content eingreifen werden sie ihn verlieren und sich der Content anderweitig verfügbar machen, solange es Nachfrage gibt. Das Netz funktioniert mit solchen Redundanzen und es lässt sich so leicht nicht zensieren. Während es in Deutschland recht schwierig ist an eine Printausgabe von "Mein Kampf" zu kommen, ist es als eBook innerhalb von Sekunden zu bekommen. Sicherlich ist es nicht das Beste aller Beispiele, aber es belegt durchaus das Publikationen die von einer Mehrheit nicht gewünscht werden (Mainstream) trotzdem erhältlich sind.

Verlage mit ihren kritischen Lektoren und Redakteuren oder kleine Buchhändler vor Ort werden in dieser Welt überflüssig.
Das ist das Hauptaugenmerkt des Netzes: Gatekeeper werden überflüssig, eine neue Art der Transparenz setzt sich durch.
Deswegen ist auch die Piratenpartei der Hauptfeind Nr.1 der Verleger und der Presse, den beide sind Gatekeeper. Wird aber der Gatekeeper durch Transparenz unnötig und überflüssig, dann wird er nicht überleben können. Gleiches gilt für Content: War bisher das Medium (TV, Rundfunk, Buch) ein Broadcastmedium in der Gatekeeper bestimmten was zum Broadcasten zugelassen wurde, ist es nun dank des Internet genau anders, denn als klassisches Peer-to-Peer-Medium erlaubt das Internet grundsätzlich jedem Teilnehmer auch zu produzieren und zu vertreiben, so verdrängen spezialisierte Podcasts Radiosendungen die nur noch kommerziell sind und keinen werthaltigen Content mehr liefern, Youtube-Stars und Webcasts werden Soaps und Serien vertreiben. Vor allem im Comedybereich und bei Sketchen ist das Internet (Youtube, Vimeo) jetzt schon erfolgreicher als das TV. Es ist zu erwarten das genau das Gleich auch bei Serien, Filmen und Soaps geschieht. Damit werden TV-Sender als Gatekeeper obsolet, ein Schicksal welches den Verlegern genauso droht.

 Im Musikmarkt haben wir das schon erlebt. Schauen Sie sich doch mal an, was aus den einstmals großen Musikverlagen geworden ist. 
Ja, die Musikverlage haben "ordentlich auf die Fresse bekommen", aber sie leben. Noch. Der Status Quo wird aber nicht von Dauer sein, denn immer mehr Künstler, also Autoren, begreifen das sie mitunter besser ohne die Musikindustrie leben können. Musik und Kunst leben von neuen Ideen, von Impulsen von Experimenten, allerdings wird dieses Verhalten von der Musikindustrie bestraft, was dazu führt das seit Jahren der Mainstream herrscht (hint, hint, Herr Yogeshwar!) während die wirklich kreativen nach neuen Ufern und neuen Distributionswegen suchen.

Damit sind sie nicht gezwungen, künftig die Standards der Konzerne zu übernehmen. Außerdem findet der Kunde auf Epedio immer wieder direkt zum Verlag zurück, kommt vielleicht sogar mit dem stationären Händler um die Ecke in Kontakt. So wird die Vielfalt im Netz erhalten.
Ja genau, wozu etablierte Standards benutzen, wir versuchen einfach einen neuen durchzudrücken, auch wenn es keinen interessiert. Wie war das noch mit der grossartigen Plattform Libri.de? Die war ja sogar den Teilnehmenden derart suspekt das man die Benutzung durch potentielle Kunden schlichtweg durch miserable Usability unterbunden hat. Ich sehe schon genau vor mir, wie Epedio die Verleger retten wird... nur wird kein einziger Kunde sie ja dorthin verirren, statt dessen werden sie Bücher im Android-Market, bei Apple und bei Amazon kaufen, die sie auf Android-Tablets, Kindels und iPads lesen können und im Optimalfall (PDF, ePub) frei auf jedes andere Endgerät portieren können.

Epedio wird also ein weiterer Meilen/Grabstein der Verlage werden. Es wird viel Geld kosten und sie niemals amotisieren, geschweige denn von Usern angenommen werden. Macht doch einfach die gesamte deutschsprachige Literatur komplett im Netz verfügbar, in einem HTML5-Webshop, zu bezahlbaren Preisen und in verschiedenen DRM-freien Formaten und schon rennen euch die Kunden die Bude ein! Macht ihr das Heute noch, so werdet ihr noch lange leben und sogar Geld einnehmen, macht ihr es aber zu spät und zu dilettantisch, werden alle über euch lachen und ihr geht unter. Ach was soll's, ihr Verleger geht doch sowieso zum Teufel. 


Nachtrag: Selbstverständlich habe ich versucht die Replik auch als "Leserkommentar" der bei faz.net zu hinterlegen. Der Kommentar wurde kommentarlos gelöscht und statt dessen die Kommentarfunktion zu diesem Artikel inzwischen abgeschaltet. Screenshot folgt:




Nachtrag 2 vom 18.10.2011: Amazon hat bekanntgegeben nun auch ins Verlagsgeschäft einsteigen zu wollen, also ganz konkret auch Bücher unter dem Dach und Markennamen von Amazon zu verlegen. Wie man so liest sollen die Konditionen für die Autoren wohl branchenunüblich gut sein. In diesem Zusammenhang möchte ich der Buchbranche noch einen alten chinesischen Fluch mit auf den Weg geben: 


"Möget Ihr in interessanten Zeiten leben!"
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